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NO GO: Piercings schießen

Aktualisiert: 12. Jan. 2023

Und ja, auch "normale" Ohrlöcher sollten professionell und verantwortungsbewusst gestochen werden. Schießen ist niemals, never, no way, jemals eine Option!


Es gibt leider, leider immer noch reichlich Studios - und damit meine ich nicht nur den ein oder anderen Accessoire-Laden, sondern Menschen aus Studios, die sich als ECHTE Piercer*Innen verstehen - die die Option 'Ohrloch schießen' noch anbieten.

Es mag wie eine günstige, schnelle Alternative mit dem Topping "passiert schon nichts" aussehen, am Ende jedoch hat die Ohrlochpistole massive Mängel in Sachen Sterilität, Gewebstraumata und unpassendem bzw. minderwertigem Schmuck aufzuweisen.

Das ist nicht nur im Jahre 2022 rückschrittig, sondern fahrlässig.



Eine Ohrlochpistole kann nicht steril gemacht werden


Unser Anspruch ist es sauber und im Wundbereich so steril wie nur machbar zu arbeiten, dazu gehört auch entsprechend aufbereitetes Instrumentarium oder Einwegmaterialien, wie z.B. bereits abgepackte Einmal-Pinzetten.


Ohrlochpistolen sind im gewerblichen Gebrauch zur Mehrfachanwendung gedacht, jedoch ist das Gehäuse aus Plastik und kann nicht (!) medizinisch korrekt aufbereitet und sterilisiert werden, d.h. sie können der Temperatur eines Autoklavs nicht standhalten. Ergo ist die Möglichkeit, etwas "vom Vorgänger" mitzunehmen nicht unbedingt auszuschließen, sondern vielmehr: sie ist sogar durchaus möglich.

Weder mit Desinfektionsspray noch -tüchern ist die restlose Entfernung von Pathogenen möglich. Diese können über Schmierungen oder als Aerosole in den Innenbereich der Pistole gelangen und so den nächsten Schmuck kontaminieren. Und ja: dadurch können Krankheiten übertragen werden. Der Virus, welcher Hepatitis B überträgt, kann bis zu 7 Tage auf Oberflächen überleben.

Gerade Menschen, die eine schwache Immunantwort aufweisen: Kinder, Babies oder Menschen mit einem nicht intakten Immunsystem sind besonders gefährdet.

Sehen wir uns aber dazu kurz den Unterschied zwischen Desinfektion und Sterilisation an, denn der ist beachtlich.



Sterilisation vs. Desinfektion


Die Desinfektion reduziert Keime, die Sterilisation sorgt für vollständige Keimfreiheit.

Die Desinfektion erfolgt meist chemisch, also mit Wipes oder Sprühflasche (die Sprühflasche ist allerdings aus der Mode, da durch die Aerosole Krankheiten der Lunge hervorgerufen werden können), während die Sterilisation via Dampf, Heißluft oder chemisch durchgeführt wird.


Die Sterilisation tötet alle Mikroorganismen inkl. Sporen ab, während eine Desinfektion nur einen Teil vernichtet.


  • Händewaschen mit Seife: 1% verbleibende Keime

  • Desinfektion: 0,001% verbleibende Keime

  • Sterilisation: 0,0001% verbleibende Keime


Bakterienverunreinigung durch kontaminierte Ohrlochpistole

Die Keimreduktion bei einer Desinfektion liegt bei 84-99,9% (beim Händewaschen übrigens bei 50-80 Prozent) und wird auf Oberflächen und dem zu piercenden Hautareal angewendet, medizinische Instrumente wie z.B. eine Klemme oder Zange, werden sterilisiert.

Im Prinzip geht es bei der Desinfektion vornehmlich darum, krankmachende Bakterien und teilweise Viren zu reduzieren und sie zu inaktivieren, um die Infektionsgefahr zu bannen (eine Reduktion der Keimzahl um mindestens 5 Zehnerpotenzen = 100 000).

Die Sterilisation soll nach der DIN EN 556 100% Keimfreiheit schaffen (höchstens ein überlebender Keim in 6 Zehnerpotenzen sterilisierter Einheiten).


Aber Moment, 99,9% klingt doch eigentlich ganz gut und immerhin suggerieren uns das doch einige, bekannte Reinigungsmittelmarken im Drogeriemarkt, aber ihr ahnt es: ist es nicht.

99,9% ist nicht das gleiche wie 99,999%.

Nehmen wir an, wir haben 100 000 Bakterien - wenn eine richtige, sachgemäße Sterilisation durchgeführt wurde, darf am Ende maximal ein Bakterium übrig bleiben - bei 1 000 000 sterilisierten Einheiten.

Bei der 99,9%-Nummer haben wir am Ende aber sage und schreibe 100 Bakterien übrig. Urgs.



Gewebsverletzungen durch die Ohrlochpistole


Die Ohrlochpistole pierct z.B. das Ohr direkt mit dem Schmuck, dieser sitzt sofort im Ohr. Lasst euch das mal auf der Zunge zergehen... ein Ohrstecker kann gar nicht so scharf sein wie eine Nadel, denn der würde beim Tragen zu Verletzungen führen. Also wird das mit einem massiven Kraftaufwand mit reinem Druck durch das Gewebe gepresst. Das Gewebe wird also nicht sauber durchstochen, sondern regelrecht zerfleddert. Das Resultat könnt ihr euch sicherlich gut vorstellen, sorgt dies doch für ein unglaubliches Gewebstraumata - tatsächlich handelt es sich dabei um den medizinischen Begriff der stumpfen Gewalteinwirkung (blunt force trauma).

Im folgenden Video seht ihr den Druck, den es braucht, um mit einem stumpfen Gegenstand durch das Material zu kommen - die unteren beiden wölben sich exzessiv nach außen, während im oberen Bereich die Piercingnadel durchgleitet.

Im besten Fall ist es sehr schmerzhaft, schwillt exorbitant an und hat einen holprigen und langen Abheilungsverlauf, Narbenbildung und im schlechtesten Fall führt es zu einer Knorpel(haut)entzündung.

Die Knorpelhaut (Perichondrium) umschließt den Knorpel und versorgt diesen mit Blut, bei einer Entzündung kann es zu einer Abhebung dieser und im schlimmsten Fall einer Nekrose und Deformierung des Ohrs kommen.



Minderwertiger Schmuck macht das Desaster perfekt


Schlicht und ergreifend: der Schmuck ist Schrott und zu kurz. Wenn ihr mögt, macht nochmal einen Ausflug zu unseren Artikeln über Schmuckmaterialien und auch die korrekte Länge des Schmucks.

Das Gewebe hat kaum Platz, um entsprechend der Wundheilung zu schwellen, was zu Problemen im Abheilungsverlauf führt. Im schlimmsten Fall schwillt das Gewebe durch den engen Platz noch mehr an und der Schmuck zieht sich ins Gewebe, sodass eine Entfernung nicht immer manuell von einem Piercingprofi gewährleistet werden kann, sondern der*die Chirurg*in auf den Plan treten muss.

Das passiert übrigens nicht 'nur' am Ohr, es gibt durchaus auch geschossene Lippen, Bauchnabel, Nasen, etc.

Durch den knappen Platz kann Wundflüssigkeit nicht mehr entsprechend abfließen, die ja maßgeblich an der Reinigung der Piercingwunde beteiligt ist, der enge Schmuck kann wie ein doppelseitiger Verschluss wirken und durch das angestaute Wundwasser kann die Schwellung größer werden und die Infektionsgefahr steigen.


Zudem ist das Material nicht für den Einsatz im Körper auf lange Dauer vorgesehen, da es sich um minderwertiges Material ohne entsprechende Zertifizierung handelt.

Meist handelt es sich um Sterling Silber oder Chirurgenstahl, beides nicht für den Einsatz im Körper geeignet und potentielle Allergieauslöser.


 

Long story short: Lasst euch weder eure Ohrläppchen, noch Knorpel am Ohr, noch Nasen, Bauchnabel, Lippen oder sonstiges schießen. Auch für Kinder ist dies keine Option.

Die Risiken überwiegen den Nutzen mehr als deutlich und auffällig billig ist ja nun mal selten ein Garant für Qualität und Sicherheit.

 









FAQ: Ist Ohrlöcher schießen verboten? In Deutschland ist das Schießen von Ohrlöchern leider noch nicht verboten (in Österreich ist es das). Es ist zu hoffen, dass auch hier noch nachgefasst wird, Werden Ohrlöcher noch geschossen?

Leider ja, und das gar nicht mal so selten. Die Risiken werden dabei leider oftmals völlig außer Acht gelassen. Teilweise wird auch noch im Knorpelbereich geschossen, was mehr als fahrlässig ist.


Wie viel kostet Ohrloch stechen beim Arzt? Du solltest Dich für ein seriöses Piercingstudio entscheiden, wenn Du Dir Piercings am Ohr machen lassen möchtest. Ärzte sind hierfür die falsche Anlaufstelle.

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